Die deutsche Regierung hat am Mittwoch eine grundlegende Reform ihrer Geheimdienste beschlossen, die ihnen erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg aktive Operationen, einschließlich Cyberangriffen und Sabotage, ermöglichen soll. Der Gesetzentwurf, der sich über mehr als 700 Seiten erstreckt, erfüllt langjährige Forderungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Verfassungsschutzes, die davor gewarnt hatten, dass Deutschland operativ hinter seinen Verbündeten zurückbleibt.
Sicherheitsrevolution nach zwei Vorfällen
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) nannte den Schritt eine Sicherheitsrevolution. "Wir verwandeln unsere Geheimdienste in echte Geheimdienste. Es ist höchste Zeit, dass wir uns so positionieren, dass wir wettbewerbsfähig und gleichwertig mit unseren Partnerdiensten weltweit sind. Das erfordert operative Fähigkeiten und aktive Befugnisse, um modernen Staatsterrorismus und extremistische Gruppen effektiver zu bekämpfen", sagte Dobrindt der Bild-Zeitung.
Der Schritt erfolgt, nachdem Deutschland innerhalb eines Monats zwei schwere Sicherheitsvorfälle verzeichnete, die erhebliche Mängel beim Schutz der Bürger offenlegten. Die Chefin des Kanzleramts und Koordinatorin der Geheimdienste Nina Warken (CDU) betonte die Notwendigkeit von Eigenständigkeit. "Deutschland kann sich nicht dauerhaft auf die Unterstützung von Partnerdiensten verlassen", sagte Warken und fügte hinzu, dass die deutschen Dienste "hinter den europäischen Partnern zurückhinken".
Spione mit Angriffserlaubnis
Das neue Gesetz verändert die operativen Möglichkeiten der deutschen Agenten radikal. Statt der bisherigen ausschließlichen Fokussierung auf Informationssammlung werden BND und Verfassungsschutz Befugnisse für aktive Cyberangriffe erhalten, einschließlich der Manipulation oder vollständigen Löschung von Angreiferdaten. Agenten können heimlich Anweisungen zur Waffenproduktion bei Gegnern ändern oder Waffen technisch während des Produktionsprozesses unbrauchbar machen.
Diese Befugnisse umfassen die Zerstörung von IT-Systemen, das Löschen von Daten sowie die Durchführung von Sabotageaktivitäten und gelten auch außerhalb der deutschen Grenzen. Dennoch dürfen die deutschen Geheimdienste weiterhin keine Einzelpersonen in fremden Ländern ins Visier nehmen, was sie von Agenturen wie der US-amerikanischen CIA, dem israelischen Mossad oder dem französischen DGSE unterscheidet.
Opposition warnt vor historischen Gründen
Die angekündigte Reform stößt auf scharfe Kritik der Opposition, vor allem wegen der Verwischung der bisherigen Grenzen zwischen Geheimdiensten und Polizei. Der Vorsitzende der Freien Demokratischen Partei (FDP), Wolfgang Kubicki, warnte: "Die strikte Trennung der Zuständigkeiten hat ihre historischen Gründe."
Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc Heinrichmann, ist überzeugt, dass das neue Reformpaket verfassungskonform ist. Deutschland sieht sich, insbesondere seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, einer wachsenden Zahl von Cyberangriffen und Sabotageakten gegenüber. Der BND, der in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feierte, erhält deutlich erweiterte Befugnisse, und der Gesetzentwurf muss noch vom Parlament verabschiedet werden.