Ceuta nach der Massenmigration: Bis zu 5.000 Migranten in der Enklave
Lokaler Führer kritisiert Madrid, Italien setzt Schengen aus, und Analysten warnen, dass Desinformation der extremen Rechten die Krise ausgelöst hat.
Lokaler Führer kritisiert Madrid, Italien setzt Schengen aus, und Analysten warnen, dass Desinformation der extremen Rechten die Krise ausgelöst hat.
In der spanischen Enklave Ceuta befinden sich weiterhin zwischen 3.000 und 5.000 Migranten, eine Woche nachdem innerhalb weniger Stunden fast 78.000 aus dem benachbarten Marokko eingetroffen sind. Der lokale Führer Juan Jesús Vivas warnt, dass sich die Lage noch nicht normalisiert hat und die Stadt eine ernste humanitäre und sicherheitspolitische Krise durchlebt, wie Narodno.hr berichtet.
Während die meisten Ankömmlinge inzwischen nach Marokko zurückgekehrt sind, ist unter den Verbliebenen eine große Zahl unbegleiteter Kinder. Freiwilligenorganisationen haben 4.860 registriert, und ein Teil der Bevölkerung hat sie vorübergehend in ihren Häusern aufgenommen. Dennoch warnen die Freiwilligen, dass diese Lösung nicht langfristig tragfähig ist. Madrid hat 25 Millionen Euro für die Hilfe für Minderjährige bereitgestellt, aber ihre Verlegung in andere Teile Spaniens hat noch nicht begonnen, da sich einige regionale Behörden dagegen aussprechen.
Der Massenversuch, in Ceuta einzudringen, führte letzte Woche zu einer beträchtlichen Zahl von Todesopfern, doch die genaue Zahl bleibt umstritten. Juan Jesús Vivas erklärte, dass etwa 100 Menschen ihr Leben verloren haben. Andererseits nennt Middle East Eye eine Zahl von mindestens 88 Toten. Die Quellen sind sich also über die endgültige Opferzahl dieser Tragödie uneinig.
In einer Rede im Europäischen Parlament kritisierte der Führer von Ceuta die Reaktion der spanischen Regierung scharf und bezeichnete sie als verspätet und unzureichend. Er behauptet, die lokalen Behörden hätten früher vor der steigenden Zahl von Versuchen gewarnt, die Grenze zu überqueren, aber ihre Warnungen seien nicht ernst genommen worden.
Die Ursache für die plötzliche Ankunft von Zehntausenden Menschen ist noch nicht vollständig geklärt. Die spanische Regierung und die Europäische Kommission machen teilweise Schleusernetzwerke verantwortlich, während die marokkanischen Behörden die Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofs kritisieren, wonach auf See gestoppte Migranten nicht automatisch zurückgeschickt werden dürfen.
Die Journalistin Mathilda Mallinson bietet für Middle East Eye eine andere Perspektive und behauptet, dass Desinformation eine Schlüsselrolle gespielt habe. Ihrer Analyse zufolge glaubten viele Migranten, dass Spanien sie nicht abschieben würde und dass sie ihre Reise zum europäischen Festland fortsetzen könnten. Diese Überzeugung wurde jahrelang durch falsche Behauptungen rechtsextremer Politiker in ganz Europa über angeblich offene Grenzen genährt, die dann von kriminellen Schleusernetzwerken ausgenutzt wurden.
Mallinson weist auf eine ironische Konsequenz hin: Fast alle, die die Grenze überquert hatten, wurden nach Marokko zurückgeschickt, und niemand ist nachweislich bis zum kontinentalen Europa gelangt. Trotzdem nutzten genau die Politiker, die die Desinformation verbreitet hatten, dieses Ereignis später als Beweis für eine Migrationskrise, die noch strengere Grenzpolitiken erfordert.
Die Krise ist zu einem ernsten diplomatischen Streit innerhalb der Europäischen Union geworden. Italien hat vorübergehend einen Teil der Schengen-Regeln gegenüber Spanien ausgesetzt, und Finnland und Dänemark haben Unterstützung zugesagt. Tschechien ging noch einen Schritt weiter und forderte die vorübergehende Aussetzung der spanischen Mitgliedschaft im Schengen-Raum.
Die Ereignisse in Ceuta sind damit nicht mehr nur ein lokales Problem einer spanischen Enklave. Die Massenankunft von Migranten hat gezeigt, wie schnell der Druck auf eine Außengrenze der Europäischen Union zu einer Frage der Sicherheit, Solidarität und des Vertrauens zwischen den Mitgliedstaaten werden kann, ein Thema, das auch für Kroatien als EU- und Schengen-Mitglied von direktem Interesse ist.