Die extremen Hitzewellen, die in diesem Jahr Südeuropa heimgesucht haben, mit Temperaturen, die regelmäßig auf 40 °C klettern, haben eine wahre Flucht der Touristen in den Norden ausgelöst. Der Trend, populär als 'Coolcation' bezeichnet, ist längst keine vorübergehende Mode mehr, die Daten für 2026 zeigen, dass Reisende zunehmend ihre üblichen Urlaubsorte gegen Destinationen eintauschen, in denen die Tagestemperaturen angenehme 30 °C nicht überschreiten.
Frische Luft statt höllischer Sonne
Erfahrungen aus der Praxis zeichnen diesen Wandel deutlich nach. Terje Viblom Pedersen, Reiseleiter in Südostschweden, betont, dass ihm Gäste immer häufiger erzählen, dass sie genau deshalb gekommen seien, um der unerträglichen Hitze im Süden des Kontinents zu entfliehen. Sie ziehen auch die geringeren Menschenmassen und die erfrischende Meeresbrise an. Daniel und Florence Gastaldi, französische Rentner aus Marseille, bestätigten dies während eines Spaziergangs durch die Stockholmer Altstadt. "Es ist gut, dass wir der Hitzewelle entkommen sind. Wir sind glücklich, niedrigere Temperaturen gefunden zu haben", erklärten sie.
Zahlen lügen nicht: Der Norden boomt
Studien der Agenturen Mabrian und Data Appeal bestätigen, dass der Trend im Jahr 2026 seinen Höhepunkt erreicht hat. Immer attraktiver werden nördliche Regionen wie Südfinnland und das norwegische Vestland, aber auch nördliche Teile traditionell wärmerer Länder, Galicien in Spanien, Trentino-Südtirol in Italien sowie die Normandie und das Elsass in Frankreich. Besonders anschaulich sind die Daten der Plattform Hotels.com: Seit die erste Hitzewelle im Mai 2026 Frankreich traf, stiegen die Suchanfragen für Unterkünfte in Kopenhagen auf der französischen Version der Seite um satte 246 Prozent, während die Suchanfragen für Dublin um 151 Prozent zunahmen.
Jonna Robertson, Beraterin bei der New Yorker Agentur Fora Travel und Gründerin der Plattform Coolcation Adventures, betont, dass dasselbe Phänomen auch in den USA zu beobachten ist, die ebenfalls mit extremen Temperaturen zu kämpfen haben. "In Oslo ist die Zahl der Buchungen im Vergleich zum Vorjahr um 154 Prozent gestiegen, während Helsinki ein Wachstum von 124 Prozent verzeichnet. Diese Zahlen sagen mir, dass Reisende aktiv nach Alternativen zu den traditionellen Sommerzielen suchen", betonte Robertson. Gleichzeitig wächst auch die Sommerpopularität von Bergresorts. Jean-Pascal Chopard, Leiter der Tourismusorganisation für die Bergregion Jura, erklärt: "Der Grund ist, dass die Temperaturen in höheren Lagen abends und nachts deutlich sinken, was den Aufenthalt viel angenehmer macht."
Der Mittelmeerraum ist noch nicht aus dem Rennen
Trotz der starken Welle des Interesses am Norden warnen Experten davor, das Ende der Dominanz des Mittelmeers auszurufen. Der schwedische Professor und Tourismusexperte Stefan Gössling sagte gegenüber AFP, dass alle europäischen Länder steigende Ankunftszahlen verzeichnen und es keinen klaren Trend gibt, der ausschließlich mit Hitze zusammenhängt. "Die Temperatur ist nur einer der Faktoren, die Menschen bei der Urlaubsplanung berücksichtigen. Es gibt viele andere Elemente. Italien und Dänemark lassen sich nicht in Bezug auf Kultur, Umwelt oder Preise vergleichen. Aus all diesen Gründen wechseln Menschen nicht leichtfertig ihre Ziele, wenn sie bereits ihre Favoriten haben", erklärte Gössling.
Seine Aussage wird auch durch Daten aus Norwegen gestützt, wo Umfragen zeigen, dass etwa jeder fünfte ausländische Tourist kühlere Sommertemperaturen als einen der Gründe für seine Anreise nennt. Dennoch hält Südeuropa, traditionell preisgünstiger, weiterhin fest die Spitze. Griechenland und Spanien verzeichneten im vergangenen Jahr ihre besten Tourismussaisons in der Geschichte, und laut Daten der Organisation Exceltur stiegen die Ausgaben in- und ausländischer Touristen in Spanien im zweiten Quartal 2026 bereits um mehr als acht Prozent.
Flucht in die Berge und saisonale Verschiebung
Ein interessantes Detail kommt auch aus der Schweiz, wo die Hauptsaison in den Alpen normalerweise von Dezember bis März dauert, doch die rekordverdächtigen Hitzewellen haben dieses Jahr völlig anders gemacht. Bergresorts in ganz Europa füllen sich zunehmend auch im Sommer. Jonna Robertson von der Agentur Fora glaubt, dass eine saisonale Umverteilung der Reisen wahrscheinlicher ist als eine dauerhafte Abkehr vom Mittelmeer. Ihrer Einschätzung nach könnten Reisen in wärmere Länder zunehmend auf Frühling oder Herbst verlagert werden, wodurch sowohl große Menschenmengen als auch erschöpfende Temperaturen vermieden würden.