Prof. Dr. Gordana Buljan Flander, eine angesehene kroatische Psychologin, ruft in ihrem Beitrag vom 5. August 2026 Familien zu dem auf, was sie als 'Bildschirmfasten' bezeichnet. Sie verbindet die alte biblische Botschaft des Fastens mit den Herausforderungen des modernen Lebens und schlägt vor, dass der Verzicht auf ständige Bildschirmpräsenz ein Weg zu tieferen Beziehungen innerhalb der Familie sein kann.
Die Inspiration für diese Überlegung kam, nachdem sie eine Predigt über Medienfasten gehört hatte. Vertieft wurde sie durch ein Gespräch mit einem Freund, einem Priester, der auch Psychologe und Psychotherapeut ist. Er wies sie auf das 58. Kapitel des Buches Jesaja hin, wo wahres Fasten nicht als bloßer Verzicht interpretiert wird, sondern als Hinwendung zum Mitmenschen, durch Mitgefühl, Hilfe für Bedürftige und Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen.
Technologie ist nicht der Schuldige, aber sie stiehlt Zeit für Beziehungen
Die Psychologin betont, dass Technologie an sich kein Feind ist. Handys und soziale Netzwerke erleichtern die Arbeit und halten Menschen verbunden. Das Kernproblem entsteht, wenn sie beginnen, Zeit zu rauben, die den Nächsten gewidmet sein sollte. Sie stellt die Frage, wie oft es am Tag vorkommt, dass ein Kind etwas mit einem Elternteil teilen möchte und nur die Antwort erhält: 'Einen Moment.'
In diesem entscheidenden Moment, so betont sie, wollte das Kind vielleicht etwas Wichtiges erzählen, Trost oder Verständnis suchen, und stattdessen erhält es die Botschaft, dass der Bildschirm wichtiger ist als es selbst. Ein ähnliches Verhaltensmuster beobachtet sie auch im Urlaub, wo Menschen oft mehr Zeit damit verbringen, Momente zu fotografieren, als sie wirklich zu erleben.
"Heute, in einer Zeit, in der viele von uns nicht durch Nahrungsmangel gefangen sind, sondern durch einen Überfluss an Informationen, Benachrichtigungen, Mitteilungen und Inhalten, die unseren Blick ständig von unseren Nächsten, Freunden, Partnern und Kindern ablenken", so Gordana Buljan Flander gegenüber Narod.hr.
Empathie entwickelt sich durch Erleben, nicht durch Erklärungen
Als klinische Psychologin trifft Buljan Flander in ihrer Arbeit oft auf Eltern, die den Wunsch haben, empathische und emotional stabile Kinder zu erziehen. Sie warnt, dass solche Werte nicht durch Ratschläge oder Bildschirminhalte entwickelt werden können. Kinder beobachten ständig das Verhalten ihrer Eltern, wie sie mit dem Partner, dem Kellner, der Reinigungskraft oder einer älteren Person, die Hilfe benötigt, umgehen.
"Kinder werden nicht empathisch, weil wir ihnen erklärt haben, was Empathie ist, sondern weil sie sie mehrfach in ihrer eigenen Familie erlebt haben", betont die Psychologin.
Zahlreiche Studien bestätigen, dass sich das kindliche Gehirn durch Interaktionen mit anderen Menschen entwickelt. Keine App kann den interessierten Blick eines Elternteils, gemeinsames Lachen oder eine Umarmung ersetzen. Gerade durch solche alltäglichen Situationen baut das Kind ein Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und Vertrauen in die Welt um sich herum auf.
Eine halbe Stunde voller Präsenz ist mehr wert als ein ganzer Tag mit dem Handy
Die Psychologin erinnert an eine wichtige Erkenntnis vieler Studien, Kinder entwickeln kein Sicherheitsgefühl nur durch die physische Anwesenheit der Eltern. Sicherheit entsteht, wenn Eltern emotional verfügbar sind, wenn das Kind spürt, dass es wirklich gesehen, gehört und dass das, was es sagt, wichtig ist.
"Manchmal ist eine halbe Stunde unserer vollen Aufmerksamkeit mehr wert als ein ganzer Tag im selben Raum, während jeder auf sein Handy schaut", betont sie.
Sommerferien als Gelegenheit für einen Neuanfang
Die Sommerferien bieten die ideale Gelegenheit für Familien, gemeinsam bildschirmfreie Zeiten einzuführen, sei es für einige Stunden am Tag oder an bestimmten Tagen in der Woche. Besonders wichtig ist, dass Eltern zuerst ihre Geräte weglegen. Damit senden sie ihren Kindern eine viel stärkere Botschaft als jedes Verbot: die Botschaft, dass sie wichtiger sind als jede Benachrichtigung, E-Mail oder Social-Media-Post.
Wenn die Bildschirme beiseitegelegt werden, entsteht Raum für gemeinsame Aktivitäten, Gesellschaftsspiele, Schwimmen, Radfahren, Abendspaziergänge und lange Gespräche, in denen Eltern erfahren können, was ihr Kind denkt, wovor es Angst hat, was es freut oder wovon es träumt. Das ist auch eine Gelegenheit, gemeinsam Gutes zu tun, wie einer älteren Nachbarin beim Einkaufen zu helfen oder die Großeltern ohne Eile zu besuchen.
Am Ende ihres Beitrags kehrt Buljan Flander zur Botschaft des Jesaja zurück. Wenn wahres Fasten darauf abzielt, den Blick von sich selbst zu heben und andere wahrzunehmen, dann könnte das heute bedeuten, den Blick vom Bildschirm zu heben, um einander wieder zu sehen, und besonders die eigenen Kinder. Denn Kinder werden sich eines Tages nicht daran erinnern, welches Handy ihre Eltern hatten, sondern ob sie gemeinsam Sandburgen gebaut, lange geredet und sich gesehen und geliebt gefühlt haben.