Der spanische Premierminister Pedro Sánchez steht nach der Migrantenkrise der vergangenen Woche in der nordafrikanischen Enklave Ceuta scharf in der Kritik eines bedeutenden Teils der europäischen Staats- und Regierungschefs. Wie die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) berichtet, hat der massive Zustrom von Migranten erneut tiefe Risse innerhalb der Europäischen Union in der Migrationspolitik offengelegt.
Massenhafter Zustrom und tragische Folgen
Innerhalb kurzer Zeit kamen zwischen 50.000 und 60.000 Migranten in Ceuta, der spanischen Enklave auf afrikanischem Boden, an, wie N1 Serbien unter Berufung auf AP meldet. Nach Schätzungen der spanischen Behörden wurden anschließend etwa 69.500 Menschen nach Marokko zurückgebracht. Der menschliche Preis dieser Krise war hoch: Die Quellen sind sich über die genaue Zahl der Todesopfer uneinig. N1 Serbien nennt Zahlen der spanischen und marokkanischen Behörden von über 80 getöteten Migranten, während der HRT von 72 Toten auf spanischer Seite und weiteren 11 auf marokkanischer Seite berichtet. Hunderte Migranten halten sich weiterhin in Ceuta auf, wo sie um Nahrung und grundlegende Lebensbedingungen kämpfen.
Offener Brief von 22 Staats- und Regierungschefs: "Angriff auf unser System"
Die Reaktion eines Teils der Union war schnell und heftig. In einem offenen Brief, der von 22 europäischen Staats- und Regierungschefs von Finnland bis Malta unterzeichnet wurde, wurden die Ereignisse der vergangenen Woche in Ceuta als "Angriff auf unser Migrations- und Asylsystem" bezeichnet. Die Unterzeichner forderten eine sofortige Verstärkung der Kontrollen an den See-, Luft- und Landgrenzen der EU.
Die Kritik richtete sich insbesondere gegen die Entscheidung eines spanischen Gerichts, wonach Migranten, die auf dem Seeweg ankommen, nicht ohne ein ordentliches Verfahren automatisch abgeschoben werden können, im Gegensatz zu denen, die illegal die physische Grenze oder den Zaun überqueren.
Sánchez kontert: Schlepper nutzen das Rechtssystem aus
Premierminister Sánchez wies die Vorwürfe zurück und erklärte, das Vorgehen seiner Regierung sei falsch dargestellt worden. Er betonte, dass Menschenschmuggler die umstrittene Gerichtsentscheidung ausgenutzt hätten, um Tausende Migranten zu überzeugen, zu versuchen, die Grenze schwimmend um den Zaun herum zu überqueren. In seiner Antwort an die Kritiker erinnerte Sánchez an frühere Solidaritätsbekundungen seines Landes und führte an, dass Spanien 2021 Migranten aufgenommen habe, die über Belarus in osteuropäische Länder gelangt waren, sowie jene, die 2023 auf der italienischen Insel Lampedusa angekommen seien.
Meloni am direktesten, von der Leyen ändert Ton
Die direkteste Kritik kam von der italienischen Premierministerin Giorgia Meloni, die ankündigte, dass Italien die Kontrollen an den Luft- und Seegrenzen zu Spanien verstärken werde. Sánchez bewertete ihre Haltung als dem europäischen und humanitären Recht sowie den Grundsätzen der Solidarität innerhalb der EU widersprechend.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, äußerte zunächst Besorgnis über die Lage in Ceuta und rief zu einer weiteren Stärkung der Außengrenzen der EU auf. Doch bald darauf sandte sie ein Unterstützungsschreiben an Sánchez und seine Reaktion auf die Krise. Ausgerechnet die Europäische Kommission hat eine außerordentliche Sitzung der Innen- und Justizminister der Mitgliedstaaten einberufen, die heute, am 4. August 2026, per Videokonferenz stattfindet.