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Immer mehr Menschen nutzen KI, um nicht lesen und denken zu müssen.

Studien zeigen einen besorgniserregenden Trend: Fast die Hälfte der Nutzer verwendet künstliche Intelligenz bei der Arbeit, weil sie sich nicht in ein Thema vertiefen möchten. Experten warnen vor dem Phänomen des 'Deskilling' und dem Verlust wichtiger kognitiver Fähigkeiten.

Foto: Janson_G na Pixabay
Kurz gesagt
  • Fast die Hälfte der KI-Nutzer am Arbeitsplatz verwendet sie, weil sie sich nicht in ein Thema vertiefen möchten.
  • Experten warnen vor 'Deskilling', dem Verlust wichtiger Fähigkeiten wie kritischem Denken und Textverständnis.
  • Eine Studie der Schweizer Einrichtung SBS zeigt eine starke negative Korrelation zwischen häufiger KI-Nutzung und der Fähigkeit zum kritischen Denken.
  • Die Lösung liegt nicht in der Ablehnung von KI, sondern in der bewussten Nutzung, die die eigenen Denkprozesse stärkt.

Haben Sie kürzlich eine wichtige E-Mail ohne die Hilfe künstlicher Intelligenz geschrieben? Oder haben Sie ein 46-seitiges Dokument gelesen, ohne dass Ihnen ein Chatbot es in ein paar Stichpunkten zusammengefasst hat? Studien zeigen, dass immer mehr Menschen das Denken an Tools wie ChatGPT, Gemini und Claude delegieren, und Experten warnen nun, dass dies schwerwiegende Folgen für unsere kognitiven Fähigkeiten haben könnte.

Die Zahl der KI-Nutzer am Arbeitsplatz steigt

Laut Daten der deutschen Nachrichtenagentur dpa verwenden zwischen 44 und 52 Prozent der Beschäftigten im Vereinigten Königreich künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz, aber nur 15 bis 35 Prozent tun dies regelmäßig. Die meisten, die KI nutzen, experimentieren hauptsächlich oder verwenden sie für routinemäßige administrative Aufgaben. In Deutschland ist die Situation noch ausgeprägter: Dort nutzen sogar 80 Prozent der Menschen gelegentlich KI bei der Arbeit, wie eine Umfrage ergab.

Was jedoch besonders beunruhigt, ist der Grund für die Nutzung. Eine Studie des Instituts Pinktum ergab, dass 43 Prozent der Befragten KI bei der Arbeit teilweise deshalb nutzen, weil sie sich, wie sie angeben, "selten in bestimmte Themen vertiefen möchten". Mit anderen Worten: Fast die Hälfte der Nutzer sieht KI als ein Werkzeug, das sie von der Notwendigkeit befreit, tiefer nachzudenken.

Was ist 'Deskilling' und warum ist es gefährlich?

Josephine Hofmann, Expertin am deutschen Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, warnt vor dem Phänomen des "Deskilling", also dem potenziellen Verlust von Fähigkeiten, der aus der zunehmenden Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz resultiert. Sie unterscheidet zwei Arten dieses Phänomens: den Verlust vorhandener Fähigkeiten und, was noch gefährlicher ist, das völlige Ausbleiben der Entwicklung neuer Fähigkeiten.

"Menschen verlieren allmählich kognitive Aktivitäten", sagte Hofmann. Besonders gefährdet sind grundlegende Fähigkeiten wie Lesen mit Verständnis, kritisches Hinterfragen von Texten, selbstständiges Schreiben und die Schaffung neuen Wissens. "Das ist eine Aktivität, die erlernt und dann geübt werden muss", betonte sie.

Obwohl Hofmann einräumt, dass der kausale Zusammenhang zwischen der Nutzung von KI und vermindertem kritischem Denken noch nicht zweifelsfrei belegt ist, zeigen Studien deutliche Korrelationen. "Die Ergebnisse sind gemischt: Das Forschungsfeld ist äußerst dynamisch", sagte sie. Eine Studie der privaten Schweizer Hochschule SBS fand eine starke negative Korrelation zwischen häufiger KI-Nutzung und der Fähigkeit zum kritischen Denken.

Wir verlieren das Gefühl, etwas selbst herausgefunden zu haben

Wenn künstliche Intelligenz zunehmend Aufgaben übernimmt, die Denken erfordern, fehlt es den Menschen an Übung. Hofmann warnt auch vor dem Verlust des Erfolgserlebnisses. Wenn wir selbst etwas herausfinden, wirkt sich das positiv auf unsere Motivation und Bereitschaft zum weiteren Lernen aus. Wenn uns KI ständig fertige Antworten liefert, verschwindet dieses Gefühl.

Einer der Hauptgründe für die zunehmende Abhängigkeit von KI ist laut Hofmann der "unglaubliche Druck, schneller zu werden" in der Geschäftswelt. Menschen neigen einfach dazu, "vom Verstehen zum Delegieren überzugehen". Doch genau hier liegt das größte Risiko: Mit dem Verlust eigener Fähigkeiten wird es immer schwieriger, Fehler oder Inkonsistenzen zu bemerken, die die Technologie selbst erzeugt. "Dann ist man wirklich nicht in der Lage, Qualität zu sichern", warnte Hofmann.

Katastrophale Folgen blinden Vertrauens

Carina Ebli-Korbel, Pädagogin und Expertin für Personalmanagement, ist in ihren Warnungen noch deutlicher. Blindes Vertrauen in die Ergebnisse von KI "wäre katastrophal. Das birgt das Risiko, dass wir allmählich wichtige Fähigkeiten verlieren", sagte sie.

Die gute Nachricht ist, dass 70 Prozent der Befragten in der Umfrage des Instituts Pinktum angaben, die Ergebnisse, die ihnen KI präsentiert, "in der Regel" zu überprüfen. Doch die Frage ist, wie qualitativ hochwertig diese Überprüfung wirklich ist, wenn gleichzeitig die grundlegenden Fähigkeiten für eine kritische Bewertung schwächer werden.

Wie kann man widerstehen und KI richtig nutzen?

Experten sind sich einig, dass die Lösung nicht darin besteht, künstliche Intelligenz vollständig abzulehnen, sondern sie bewusst und gezielt einzusetzen. Hofmann empfiehlt, KI als Denkpartner zu betrachten, nicht als Ersatz für das eigene Gehirn. "Wir können KI sicherlich nutzen, um unsere eigenen Denkprozesse zu stärken", sagte sie.

Eine konkrete Methode, die sie vorschlägt, ist, dem Chatbot die Anweisung zu geben: "Fordere mich heraus, stelle mir Fragen." Auf diese Weise wird KI zu einem Werkzeug, um das Verständnis zu vertiefen, statt es zu umgehen.

Ebli-Korbel betont, dass die Verantwortung in erster Linie beim Einzelnen liegt. Organisationen können das Bewusstsein für das Problem schärfen, aber jeder muss bewusst entscheiden, welche Aufgaben er nicht an KI delegiert. "Zum Beispiel kann ich regelmäßig selbst E-Mails schreiben, insbesondere wenn es um das Nachdenken geht, nicht nur darum, wie ich etwas formuliere", rät sie. Sie betont auch die Bedeutung eines bewussten Lernansatzes: "Wenn ich mein Wissen festigen möchte, muss ich selbst etwas erneut lesen und über das Gelernte nachdenken."

Kann KI unsere Fähigkeiten stärken?

Trotz der Risiken kann künstliche Intelligenz, wenn sie richtig eingesetzt wird, auch einen positiven Effekt auf kognitive Fähigkeiten haben. "Was man verliert, kann man auch gewinnen", betonte Ebli-Korbel. Kreativität kann beispielsweise gefördert werden, indem man die von KI generierten Ergebnisse als Ausgangspunkt nimmt, den Menschen dann selbstständig weiterentwickeln.

Der Organisationspsychologe Markus Langer argumentiert in einem Interview mit der deutschen Zeitschrift Psychologie Heute, dass der gezielte Einsatz künstlicher Intelligenz zur Entwicklung kognitiver Fähigkeiten beitragen kann. Der Grund ist einfach: Es erfordert erhöhte Aufmerksamkeit, um Fehler in von KI generierten Texten zu erkennen. Wer die Vorschläge der KI kritisch prüft und verbessert, trainiert tatsächlich sein Urteilsvermögen.

KI kann Menschen helfen, schneller in neue Themen einzusteigen oder Lücken im eigenen Wissen zu identifizieren. Entscheidend ist die Offenheit für neue Ideen, die es erleichtert, positive Aspekte der Technologie zu erkennen und die Angst davor zu überwinden, dass sie uns ersetzt. "Angst hindert uns daran, uns weiterzuentwickeln", schloss Ebli-Korbel. Nur wer in die eigene Entwicklung investiert, kann langfristig vorankommen.

Häufige Fragen
Was ist 'Deskilling' im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz? +
Deskilling ist der potenzielle Verlust von Fähigkeiten, der aus der zunehmenden Abhängigkeit von KI resultiert. Es kann sich um den Verlust vorhandener Fähigkeiten oder das Ausbleiben der Entwicklung neuer Fähigkeiten handeln, wie kritisches Lesen und selbstständiges Schreiben.
Wie viele Menschen nutzen KI bei der Arbeit? +
Im Vereinigten Königreich verwenden zwischen 44 und 52 Prozent der Beschäftigten KI am Arbeitsplatz, regelmäßig nutzen sie 15 bis 35 Prozent. In Deutschland nutzen sogar 80 Prozent der Menschen gelegentlich KI bei der Arbeit.
Warum nutzen Menschen KI, anstatt selbst zu denken? +
Laut einer Studie des Instituts Pinktum nutzen 43 Prozent der Befragten KI bei der Arbeit teilweise, weil sie sich selten in bestimmte Themen vertiefen möchten. Ein weiterer Grund ist der große Druck, in der Geschäftswelt schneller zu werden.
Wie können wir den Verlust von Fähigkeiten durch KI-Nutzung verhindern? +
Experten raten, KI bewusst als Denkpartner zu nutzen, nicht als Ersatz. Es ist wichtig, grundlegende Fähigkeiten regelmäßig ohne KI zu üben, die von KI generierten Ergebnisse kritisch zu überprüfen und KI zur Vertiefung des Verständnisses einzusetzen.

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