Fast 4000 Fehlgeburten in Gaza in sechs Monaten
Gesundheitssystem völlig zusammengebrochen, Unterernährung und psychischer Stress führen zu dramatischem Anstieg von Schwangerschaftsverlusten bei Frauen in Gaza.
Gesundheitssystem völlig zusammengebrochen, Unterernährung und psychischer Stress führen zu dramatischem Anstieg von Schwangerschaftsverlusten bei Frauen in Gaza.
Erschreckende Daten der Vereinten Nationen und der Menschenrechtsorganisation Euro-Med Monitor offenbaren das Ausmaß der humanitären Katastrophe in Gaza: Fast 4000 Frauen haben in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 ihre Schwangerschaft verloren. Diese Zahl, die nur die in Krankenhäusern registrierten Fälle erfasst, hat sich im Vergleich zur zweiten Hälfte des Jahres 2025 verdreifacht. Als Hauptursachen werden die Zerstörung des Gesundheitssystems, die erzwungene Vertreibung und die extremen Lebensbedingungen genannt.
Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) wurden zwischen Januar und Juni fast 4000 spontane Fehlgeburten registriert. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) nennt in seinem Bericht vom Juli 3950 Fehlgeburten für denselben Zeitraum, ein drastischer Anstieg im Vergleich zu 1197 registrierten Fällen von Juli bis Dezember 2025. Die UN schätzt, dass die Fehlgeburtenrate in der Enklave bei 208,5 pro 1000 Lebendgeburten liegt, was bedeutet, dass etwa ein Sechstel aller Schwangerschaften mit einem Verlust des Fötus endet.
Die Fehlgeburtenrate erreichte im April ihren Höhepunkt, als mehr als ein Viertel aller Schwangerschaften in Gaza mit einer spontanen Fehlgeburt endete. Gleichzeitig sank die Geburtenrate seit Jahresbeginn um 3,2 Prozent, und fast die Hälfte aller Geburten erfolgte per Kaiserschnitt, hauptsächlich aufgrund von Blutungen, Bluthochdruck und Infektionen bei den Müttern. Etwa 74 Prozent der Schwangerschaftsverluste ereigneten sich im ersten Trimester, während 57 Prozent der Schwangeren an Anämie litten.
Dr. Ahmed Al-Farra, Leiter der Pädiatrie am Nasser-Krankenhaus in Khan Younis, beschreibt die Lage als alarmierend. "Der Prozentsatz ist im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg fast dreimal so hoch", sagte er gegenüber Quds News Network. Er warnt, dass Fehlgeburten nur ein Teil der Krise seien: Die Ärzte verzeichnen auch mehr Fälle von Totgeburten, Frühgeburten und gefährlichen Schwangerschaftskomplikationen.
"Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem jeder Mensch nur drei Liter Wasser pro Tag hat, weit unter dem Minimum. Neunzig Prozent des Wassers sind nicht trinkbar. Der Wassermangel führt zu Infektionen, schwächt das Immunsystem und verschlimmert die Unterernährung", erklärte Dr. Al-Farra.
Die Ärzte weisen darauf hin, dass auch die Art der Lebensmittel, die seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 nach Gaza gelangen, zur Zunahme der Krankheiten beiträgt. Obwohl die Mengen an Lebensmitteln erheblich erhöht wurden, ist ein großer Teil verarbeitet, mit hohem Zucker-, Palmöl- und Sojaanteil. "Ein Körper, der ans Hungern gewöhnt ist, kann damit nicht umgehen", warnt Dr. Al-Farra. Zudem betont er die Auswirkungen der psychischen Belastung nach Jahren des Krieges: "Stress bei der Mutter kann zu Veränderungen in der neurologischen Entwicklung, Angstzuständen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Umweltgifte können Fortpflanzungs- und Stoffwechselstörungen verursachen."
Euro-Med Monitor erklärt in seiner Stellungnahme, dass Hunderttausende Frauen weiterhin in Zelten leben, nachdem die israelische Armee 90 Prozent der Häuser und der Infrastruktur zerstört hat. Schwangere Frauen seien "unerbittlichen Bombardements, Explosionen, Rauch und dem psychologischen Schock des Krieges" ausgesetzt gewesen, was zu einem erhöhten Risiko von Frühgeburten, Geburtskomplikationen und mangelnder Versorgung der Neugeborenen geführt habe.
Im vergangenen Monat veröffentlichte das UN-Expertengremium für Hungersnöte (IPC) einen Bericht, wonach sich die Ernährungssicherheit leicht verbessert hat, die Lage jedoch weiterhin fragil ist. Etwa 1,4 Millionen Menschen in Gaza befinden sich in der Phase akuter Ernährungsunsicherheit, ein leichter Rückgang gegenüber 1,6 Millionen Ende 2025. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums sind während des Konflikts mehr als 450 Menschen an Unterernährung gestorben.
Der UNFPA hat angekündigt, in etwa zwei Monaten eine detaillierte Analyse der Bedingungen zu veröffentlichen, mit denen schwangere Frauen in Gaza konfrontiert sind, um die Gründe für den dramatischen Anstieg der Fehlgeburten besser zu verstehen.