In der iranischen Stadt Qazvin wurde am Samstag im Morgengrauen die 23-jährige Marzieh Nieri hingerichtet, eine Frau, die vor Gericht behauptete, den Mann getötet zu haben, als sie sich gegen einen sexuellen Übergriff verteidigte. Ihr Fall, der die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit erregt hat, wirft ein Licht auf die Härte des iranischen Rechtssystems und insbesondere auf die Anwendung des islamischen Vergeltungsprinzips, bekannt als Qisas.
Zwangsverheiratung, Angriff und tragisches Ende
Nach Angaben der Organisation Iran Human Rights wurde Nieri bereits im Alter von 17 Jahren zwangsverheiratet. Das tödliche Ereignis ereignete sich im Oktober 2021, als sie erst 18 Jahre alt war. Vor Gericht erzählte sie, dass ein betrunkener Geschäftspartner ihres Ehemanns versucht habe, sie sexuell zu missbrauchen. Bei dem Versuch, sich zu verteidigen, verletzte sie ihn mit einem Küchenmesser, doch in dem entstandenen Konflikt kam auch ihr Ehemann ums Leben.
Vier Tage nach dem Vorfall stellte sich Nieri selbst der Polizei, in der Hoffnung, wie man annimmt, dass das Justizsystem ihre Version der Ereignisse anerkennen würde. Das Gericht akzeptierte jedoch die Behauptung der Notwehr nicht. Die Familien der Getöteten forderten die Anwendung von Qisas, was zur Verhängung der Todesstrafe führte.
Was ist Qisas und warum ist es in diesem Fall entscheidend?
Qisas ist ein Vergeltungsprinzip, das in der islamischen Rechtstradition verwurzelt ist und der Familie des Opfers das Recht gibt, die Hinrichtung des Täters zu fordern. Alternativ kann die Familie einer finanziellen Entschädigung, der sogenannten Diyya, auch Blutgeld genannt, zustimmen. Die Todesstrafe wird in solchen Fällen nur vollstreckt, wenn die nächsten Angehörigen der Getöteten dies ausdrücklich verlangen, was im Fall von Marzieh Nieri auch geschah.
Die Organisation Iran Human Rights betont, dass Nieri mindestens die vierzehnte Frau ist, die seit Anfang 2026 im Iran hingerichtet wurde. Nach ihren Angaben ist der Iran das Land mit der höchsten Zahl an Hinrichtungen von Frauen weltweit.
Rekordzahl an Hinrichtungen
Das iranische Regime greift weiterhin in großem Umfang auf die Todesstrafe zurück und reiht sich damit in die wenigen Staaten mit einer so hohen Hinrichtungsrate ein. Menschenrechtsorganisationen haben im Jahr 2025 mindestens 1639 Hinrichtungen registriert, was die höchste jährliche Zahl an Hinrichtungen in diesem Land seit 1989 darstellt.
Die Hinrichtung von Marzieh Nieri ereignete sich im Zentralgefängnis von Qazvin, und die Nachricht hallte zusätzlich nach, nachdem sie von Euronews verbreitet wurde. Ihr Schicksal ist zu einem Symbol für die systematische Unterdrückung von Frauen und das Fehlen elementarer Gerechtigkeit in Fällen von Notwehr geworden und stellt das Regime in Teheran erneut unter heftige Kritik internationaler Menschenrechtsorganisationen.