Großbritannien sieht sich einer ernsthaften Bedrohung durch Lebensmittelknappheit gegenüber, da eine beispiellose Dürre und Hitzewellen die Ernten zerstören und Viehzüchter dazu zwingen, teure Wintervorräte zu verbrauchen, warnte am Montag der Nationale Bauernverband (NFU).
Rekordtiefe Niederschläge und leere Flüsse
Nach Angaben des britischen Wetterdienstes (Met Office) verzeichnete England bis Ende Juli 2026 nur 5,6 mm Niederschlag, was nur 8 % des langjährigen Monatsdurchschnitts entspricht. Damit wurde das Rekordminimum von 1911 gebrochen, als 13,4 mm Regen fielen. In Wales ist die Lage ebenso alarmierend, mit nur 7,9 mm Niederschlag, ebenfalls 8 % des Monatsdurchschnitts und fast einem Drittel des Rekords von 1911, der 22,6 mm betrug.
In einigen Teilen Englands hat es seit mehr als einem Monat nicht geregnet, und die Kombination aus trockenem Boden und extremer Hitze hat bereits verheerende Waldbrände verursacht, wie etwa in Suffolk. Aufgrund der kritischen Lage wurde für mehr als 20 Millionen Einwohner in England und Wales ein Verbot der Nutzung von Gartenschläuchen zum Bewässern und Waschen eingeführt, während die BBC über eine orange Wetterwarnung in Schlüsselregionen berichtete.
Ernte einen Monat früher abgeschlossen, Erträge halbiert
Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft sind dramatisch. Der NFU-Vorsitzende Tom Bradshaw erklärte, dass die diesjährigen Erträge bei Weizen und Hafer "äußerst schlecht" seien. Züchter melden, dass die Erträge im Vergleich zur normalen Höhe halbiert wurden, und aufgrund der extremen Hitze verzeichnet England die früheste Ernte aller Zeiten. Landwirte im Süden und Osten des Landes haben ihre Arbeiten zwei bis drei Wochen früher als üblich abgeschlossen.
Auch die Viehzucht steht unter starkem Druck, da das Gras auf den Weiden kaum wächst, was die Viehzüchter zwingt, bereits jetzt auf die Wintervorräte an Futtermitteln zurückzugreifen. Bradshaw betonte, dass die hohen Temperaturen und die Wasserknappheit den gesamten Sektor unter beispiellosen Druck gesetzt haben, und Gemüseproduzenten bleiben ohne grundlegende Ressourcen, was die heimische Produktion direkt verringert und die Kosten erhöht.
Appell an die Regierung: "Hören Sie auf, Lebensmittel als selbstverständlich zu betrachten"
Tom Bradshaw forderte die britische Regierung zu sofortigem Handeln auf und wies auf die absurde Situation hin, in der große Mengen an Winterregenwasser in die Nordsee gepumpt werden, anstatt gespeichert zu werden. "Den aktuellen Zustand können wir nicht ändern, in unseren Flüssen gibt es kein Wasser. Aber wir müssen dies nutzen, um Schritte für die Zukunft zu unternehmen. Wir haben die Lebensmittelversorgung schon zu lange als selbstverständlich betrachtet", so Bradshaw.
"Wir müssen verstehen, dass die Sicherheit der Wasserversorgung ein Schlüsselelement unserer Ernährungssicherheit ist, und Ernährungssicherheit ist unser nationales Interesse", fügte der NFU-Vorsitzende hinzu.
Zu den wichtigsten Forderungen gehören der sofortige Bau neuer Stauseen und Reservoirs sowie die Einführung von Steuererleichterungen für Landwirte, die eigene Wasserspeichersysteme bauen. Bradshaw warnte, dass die Abhängigkeit von Importen keine sichere Option mehr sei, da auch die Länder, von denen Großbritannien traditionell Lebensmittel kauft, mit dem Klimawandel konfrontiert sind.
"Neue Normalität" und finanzieller Schlag
Experten warnen, dass extreme Wetterbedingungen zur "neuen Normalität" für die britische Landwirtschaft werden, da dies bereits die dritte große Dürre in den letzten fünf Jahren ist. Die Situation wird durch die schwierige finanzielle Lage im Sektor weiter verschärft: Nach dem Wegfall der Subventionen aus der Europäischen Union arbeitet fast ein Drittel der britischen Landwirte mit Verlust oder überlebt nur knapp.
"Das Klima verändert sich auch in anderen Ländern weltweit, auf die wir uns derzeit für Importe verlassen. Es ist zu spüren, dass es zu einer Verknappung von Lebensmitteln kommen wird. Wir müssen einen Schlussstrich ziehen und der heimischen Lebensmittelproduktion Priorität einräumen", schloss Bradshaw.