In seiner Analyse für den Kroatischen Boten betont der Journalist, Kommunikationswissenschaftler und politische Analyst Ivica Granić, dass die Operation Oluja einen klaren und gerechtfertigten militärischen Sieg gegen einen vierjährigen bewaffneten Aufstand darstellte, doch das dominante politische und mediale Bild in Serbien wirkt auch heute noch, als wäre es 1989. Obwohl ein Teil der Öffentlichkeit die Aggression, Kriegsverbrechen und die Niederlage erkennt, wollen die herrschende Struktur und die meisten Medien bewusst keine Schlussfolgerungen ziehen und halten an einer Erzählung fest, in der Oluja nur als Tragödie gesehen wird.
Opfernarrativ als Werkzeug zur Vermeidung von Verantwortung
Granić betont, dass das Opfernarrativ für die politischen Eliten in Serbien äußerst nützlich ist. Oluja wird systematisch ausschließlich als ethnische Säuberung und Tragödie dargestellt, nicht als militärische Niederlage nach vier Jahren bewaffneten Aufstands und Belagerung kroatischer Städte. "Solange die Geschichte auf 'wir sind die Opfer' basiert, müssen Politiker weder für die Kriegspolitik der 90er Jahre noch für die gescheiterte verbrecherische Strategie 'alle Serben in einem Staat' Rechenschaft ablegen", so Granić.
Ein solcher Narrativ vermeidet geschickt die Rechenschaftspflicht für die gescheiterte und verbrecherische Politik der Schaffung Großserbiens. "Es ist einfacher zu sagen, sie haben uns verraten, internationale Verschwörung, Vatikan, Kroaten sind genozidal usw., als zuzugeben, dass das verbrecherische Projekt Großserbien sowohl moralisch als auch militärisch gescheitert ist", betont der Analyst.
Institutionelle Amnesie und Revisionismus
Als einen der Schlüsselgründe, warum sich der Narrativ nicht ändert, nennt Granić die institutionelle Amnesie, die vom Revisionismus genährt wird. "Das Bildungswesen, Militärmuseen, das staatliche Fernsehen und die meisten Mainstream-Medien in Serbien fördern weiterhin eine Version, in der die Serben 'ihre jahrhundertealten Herde verteidigt haben'", schreibt er. Die Urteile des Haager Tribunals werden weitgehend ignoriert oder relativiert, und eine systematische Auseinandersetzung mit der Verantwortung für die Aggression, wie sie beispielsweise Deutschland nach 1945 hatte, findet nicht statt.
Granić fügt hinzu, dass auch die Führung der kroatischen Serben eine enorme Verantwortung für diesen Zustand trägt. Revisionismus und Drohungen wie "wir werden die Krajina zurückholen" dienen der inneren Mobilisierung und der Außenpolitik, insbesondere in einem Umfeld, in dem Serbien zwischen der EU und Russland balanciert, wo antiwestliche und antikroatische Stimmungen weiterhin gut verkauft werden.
Geopolitische Dimension und psychologischer Mechanismus
Die Analyse berührt auch den geopolitischen Kontext. "Solange es einen internationalen Kontext gibt, in dem sich der serbische Nationalismus auf russische Unterstützung und das relative Desinteresse des Westens an dieser Region stützen kann, gibt es keinen starken externen Druck, den Narrativ zu ändern", schreibt Granić für den Kroatischen Boten.
Im Hintergrund liegt auch ein starker psychologischer Mechanismus. "Eine kollektive Niederlage ist schwer zu akzeptieren", betont Granić und fügt hinzu, dass genau dieser Rahmen der dominanten Elite und dem medialen Mainstream weiterhin dient. Dennoch betont er, dass dies nicht bedeutet, dass das gesamte Volk so ist. "Es ist nicht so, dass die Serben als Volk keine Schlussfolgerungen gezogen haben. Ein Teil hat sie gezogen, es gibt Menschen sowohl in Serbien als auch unter den kroatischen Serben, die die Aggression, die Verbrechen und die Niederlage anerkennen", schließt er.
Der Text endet mit einer Botschaft an die Leser: "Bleibt mir gesund, fröhlich, aber auch bereit. Die Geschichte endet nicht an Jahrestagen. Einen glücklichen Tag des Sieges."