Spanien hat vor der für Dienstag, den 4. August 2026, angesetzten dringenden Videokonferenz der EU-Innenminister, die sich mit der Reaktion auf den unkontrollierten Migrantenzustrom in die spanische Enklave Ceuta in Nordafrika befassen soll, die "Solidarität aller Mitgliedstaaten der Europäischen Union" gefordert. Die Forderung wurde vom spanischen Außenminister José Manuel Albares erhoben, nachdem einige Mitgliedstaaten, angeführt von Italien, die Suspendierung Spaniens aus dem Schengen-Raum gefordert hatten.
Beispiellose Welle und politische Anschuldigungen
Letzten Donnerstag und Freitag (30. und 31. Juli 2026) schwammen oder gelangten auf andere Weise rund 60.000 Migranten, überwiegend junge Marokkaner, aus Marokko nach Ceuta, einer Stadt mit nur 83.500 Einwohnern. Die spanischen Behörden schickten innerhalb von 48 Stunden fast 48.000 Menschen zurück nach Marokko. Dieses Ereignis löste sofort heftige Reaktionen in ganz Europa aus. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni suspendierte am Samstag für einen Monat die Luft- und Seegrenzen mit Spanien innerhalb des Schengen-Raums, während auch Finnland, Tschechien und Dänemark die Schließung der Grenzen forderten.
Minister Albares verurteilte diese Schritte in einem Interview mit dem spanischen Fernsehsender TVE scharf und bezeichnete sie als "absichtliche Verwirrung" und als Teil des Wirkens einer "reaktionären Internationale", die "gegen Europa arbeite". Gleichzeitig versicherte er, dass die "Integrität des Schengen-Raums absolut gewährleistet" sei. Camille Le Coz, Direktorin des Migration Policy Institute Europe, bezeichnete die Aussetzung des Schengen-Abkommens durch Italien gegenüber FRANCE 24 als "reines politisches Theater" und betonte, dass keiner der Migranten von Ceuta ins spanische Festland gelangt sei.
Brief aus Brüssel und die Frage der Verantwortung
Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, schrieb am Montag in einem Brief an den spanischen Premierminister Pedro Sánchez, dass "aus diesem Vorfall klar hervorgeht, dass wir mehr tun müssen, um unsere Grenzen an kritischen Punkten weiter zu stärken" und dass "der Schutz aller unserer Außengrenzen eine gemeinsame europäische Verantwortung ist". Sánchez beschrieb in seinem Brief an die EU-Spitzen die Schritte einiger Partner als "egoistisch".
Während Madrid Solidarität sucht, behauptet der spanische Geheimdienst laut einem Bericht der Zeitung Blick, dass der Massenübertritt von Marokko als Racheakt organisiert worden sei. Als mögliche Gründe werden der jüngste Besuch von Premierminister Sánchez in Algerien, dem geopolitischen Rivalen Marokkos, sowie die anhaltenden marokkanischen Ansprüche auf Ceuta und Melilla genannt. Das marokkanische Innenministerium weist diese Vorwürfe zurück und behauptet, der Zustrom sei spontan durch Falschinformationen in den sozialen Medien und eine falsche Auslegung des Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli 2026 ausgelöst worden, das eine schnelle Rückführung von Migranten erschwert.
Unterschiedliche Angaben zur Zahl der Opfer
Es gibt erhebliche Abweichungen bei den Angaben zur Zahl der Todesopfer während der Überquerungsversuche. Der Delegierte der spanischen Regierung in Ceuta, Miguel Angel Perez Triano, erklärte gegenüber der Taipei Times: "Die neueste Zahl, die wir haben, ist 72." Andere Quellen nennen auch die Zahl von 88 Toten. Die marokkanischen Behörden geben offiziell nur 11 Todesfälle zu, während die Marokkanische Vereinigung für Menschenrechte (AMDH) behauptet, es seien "fast 130" Opfer, und Dutzende werden als vermisst geführt.
Humanitäre Dimension und Aufruf zum Frieden
Während die politischen Streitigkeiten andauern, bleiben die menschlichen Geschichten im Zentrum der Krise. Der marokkanische Migrant Aziz Dabch sagte gegenüber der Taipei Times: "Alle Kinder hier wollen nach Spanien." Im Hafen von Ceuta hielten spanische Soldaten eine Gruppe von neun Migranten fest, die versucht hatten, sich auf einer Fähre zu verstecken. Papst Leo XIV. äußerte sich am Sonntag während seiner täglichen Gebete zu der Situation und sagte, er verfolge die Ereignisse mit "Sorge" und rief zu "Frieden, Stabilität und Gerechtigkeit" auf.
Der Schengen-Raum garantiert die Freizügigkeit für 450 Millionen Bürger der EU und der assoziierten Länder. Obwohl Ceuta und Melilla zu Spanien gehören, gelten für sie besondere Schengen-Regeln: Wer aus dem Schengen-Raum kommt, muss keinen Ausweis vorzeigen, aber wer ausreist, unterliegt obligatorischen Grenzkontrollen. Dieser rechtliche Rahmen verkompliziert die Debatte über die Berechtigung der Forderungen nach einer Aussetzung zusätzlich.