Europas Flüsse auf historischem Tiefstand
Rhein, Donau und Po trocknen aus und gefährden Transport, Ökosysteme und Trinkwasserversorgung. Die Folgen der Dürre sind auch in Kroatien spürbar, wo längst versunkene Schiffe wieder aufgetaucht sind.
Rhein, Donau und Po trocknen aus und gefährden Transport, Ökosysteme und Trinkwasserversorgung. Die Folgen der Dürre sind auch in Kroatien spürbar, wo längst versunkene Schiffe wieder aufgetaucht sind.
Nach einer intensiven Hitzewelle im Juni und verheerenden Waldbränden im Süden Frankreichs und in Spanien sieht sich Europa mit einer neuen Eskalation der Klimakrise konfrontiert. Flüsse auf dem gesamten Kontinent, darunter die wichtigen Wasserstraßen Rhein, Donau und Po, sind auf historisch niedrige Pegelstände gefallen und offenbaren das Ausmaß einer Bedrohung, die weit über Landwirtschaft und Wasserversorgung hinausreicht.
In den deutschen Städten Köln und Düsseldorf können Menschen nun über Teile des Rheins laufen, wo normalerweise starke Strömungen fließen. Das freigelegte Flussbett erstreckt sich unter den Brücken, und die Behörden warnen, dass der Wasserstand in den kommenden Tagen noch dramatischer sinken könnte. Entlang der Donau können Fracht- und Passagierschiffe auf bestimmten Abschnitten nicht mehr fahren.
Während die Flussbetten austrocknen, tauchen längst vergessene Überreste auf. In Ungarn, Rumänien und Kroatien sind versunkene Schiffe und Autos wieder ans Licht gekommen, Szenen, die das Ausmaß der Dürre bezeugen, die den Kontinent getroffen hat.
Die Folgen sind nicht nur visuell. Der sinkende Wasserstand erhöht die Wassertemperatur und verringert die Konzentration von gelöstem Sauerstoff, was das Risiko von Fischsterben erhöht. Jeanette Völker, Wissenschaftlerin beim deutschen Umweltbundesamt (UBA), beschrieb der DW, was unter der Oberfläche passiert.
"Besonders am Rhein kann man sehen, wie die Kiesufer austrocknen. Das sind Lebensräume für Muscheln und Wirbellose, die wiederum als Nahrung für Fische dienen. Das setzt diese Ökosysteme enorm unter Stress. Muscheln können sich nicht schnell genug bewegen und sterben ab", sagte Völker.
Die Schädigung dieser natürlichen Kette hat direkte Folgen für Millionen von Menschen. Hagen Koch, Forscher mit Schwerpunkt Klimaanpassung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, erklärt, dass ein großer Teil des Trinkwassers in Deutschland aus Brunnen stammt, die durch die Filtration des Flussbetts gespeist werden. Die Dürre schwächt diesen Prozess, da die Konzentration von Schadstoffen steigt, etwa die gleiche Menge an Abwasser aus Industrie und Kanalisation wird in immer kleinere Flüsse eingeleitet.
"Wenn das Ökosystem geschädigt ist, das heißt, Tiere und Pflanzen, die zur Wasserreinigung beitragen, führt das zu erheblichen Zusatzkosten. Es ist eine zusätzliche Aufbereitung erforderlich, um Millionen von Menschen sauberes Trinkwasser zu sichern", warnt Koch.
Deutsche Industriegruppen schätzen, dass die Kosten der Wasserversorgung infolge des Klimawandels um bis zu 30 % steigen könnten. Für verbesserte Kläranlagen, tiefere Rohre und modernisierte Reservoirs wären bis 2035 zusätzliche Investitionen von bis zu 14 Milliarden Euro erforderlich.
Die Krise hat bereits dramatische Eingriffe erzwungen. Das rumänische Militär musste Felsen in einem Donauarm sprengen, um die Kühlwasserversorgung des Kernkraftwerks Cernavodă zu sichern und dessen Abschaltung zu verhindern. Eine ähnliche Situation ereignete sich in Ungarn, wo das Kernkraftwerk Paks wegen des niedrigen Donaupegels abgeschaltet werden musste. Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar rief Bürger und Unternehmen zum Stromsparen auf und warnte vor einer beispiellosen Energiekrise.
In der Zwischenzeit hat der deutsche Verkehrsminister zu einer Konferenz in Bonn mit Vertretern von Industrie, Häfen und Binnenschifffahrt eingeladen, um kurz- und langfristige Lösungen zu finden. Einige Schiffe transportieren bereits nur noch ein Fünftel ihrer üblichen Ladung, was die Produktion verzögert und die Preise erhöht, insbesondere in den Sektoren Stahl, Chemie und Öl. In Köln haben die Behörden strenge Verbote für die private Wasserentnahme aus Bächen und Flüssen erlassen; Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen von bis zu 50.000 Euro geahndet.
Während Politiker Sofortmaßnahmen wie die Vertiefung der Rheinfahrrinne erwägen, warnen Kritiker, dass dies nur den Wasserabfluss beschleunigen und die Überschwemmungsgebiete weiter austrocknen würde. Experten wie Koch plädieren für die Entwicklung von Schiffen mit geringerem Tiefgang und die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Jeanette Völker hingegen glaubt, dass der Schlüssel in der Renaturierung veränderter Flussläufe liegt, der Wiederanbindung von Überschwemmungsgebieten, dem Schutz von Feuchtgebieten und der Wiederherstellung von Mooren, damit Landschaften mehr Wasser speichern.
Doch alle sind sich in einem einig: Ohne eine rasche Reduzierung der Treibhausgasemissionen wird jede Anpassung nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, in einem Fluss, der schnell austrocknet.