Der Splitter Sommer hat in diesem Jahr eine Inszenierung hervorgebracht, die Kritiker und Publikum gleichermaßen als absolutes Wunder bezeichnen. Die Rede ist von Herscht 07769, einer Theateradaption des Romans des ungarischen Nobelpreisträgers László Krasznahorkai, inszeniert von Ivica Buljan. Alle vier Vorstellungen in der verlassenen Trafostation in Dujmovača waren ausverkauft, und die Zuschauer pilgerten in die Industriezone an der Stara solinska cesta, einen Ort, den der durchschnittliche Splitter weiträumig umgeht.
Die Inszenierung entstand im Schwebezustand zwischen der alten und der neuen Vision des Splitter Sommers, in dem Jahr, nachdem der Intendant Bilandžić abgesetzt wurde und Kulturministerin Nina Obuljen Koržinek am Eröffnungstag des letztjährigen Festivals erklärte, dass "der Splitter Sommer nicht auf dem Niveau sei". Doch Buljan machte dort weiter, wo er im letzten Jahr mit Lisica nach dem Roman von Dubravka Ugrešić aufgehört hatte, und schuf etwas Unvergessliches.
Postindustrielle Dystopie an der Bahnlinie
Die Bühne hinter der alten Trafostation bot ein äußerst filmisches, postindustrielles und dystopisches Ambiente, direkt an der Bahnlinie gelegen, wo während der Vorstellung Züge vorbeifuhren und Grillen zirpten. Buljan platzierte hier Kana, eine fiktive Stadt im deutschen Bundesland Thüringen, einem Teil der ehemaligen DDR, wo die extreme Rechte heute beachtliche Erfolge verzeichnet.
In der Dramatisierung von Ivan Penović wird der Roman getreu als ein Ansturm von Angst, Wut und Furcht inszeniert. In vier Stunden, die laut Zeugenaussagen der Zuschauer buchstäblich vorbeifliegen, wird das Leben einer Provinzstadt verfolgt: Klatsch, ein Mathematiklehrer (Goran Marković), der auf eigene Faust arbeitet, neonazistische Schläger unter der Führung von Boss, ein Bach-Orchester, das sich zu formieren versucht, ein Migrantenpaar, das eine Tankstelle und ein Café betreibt, sowie der titelgebende Held Herscht, der vom Ende der Zivilisation besessen ist.
Faschismus, der bereits da ist
"Herscht 07769 ist kein Stück, das vor dem warnt, was uns erwartet, sondern eines, das die Augen öffnet für das, was bereits angekommen ist", heißt es in der Kritik des Telegram. Die Manipulation von Ängsten, die Schutzlosigkeit der Schwachen und Migranten, die Besessenheit von der Nation und ihren Symbolen sowie die Angst der Mitte, sich den einheimischen Neonazis zu widersetzen, all das ist leider gleichermaßen auf das heutige Split anwendbar.
Boss wird meisterhaft, in Anlehnung an Hitler aus Der Untergang, vom slowenischen Schauspieler Marko Mandić gespielt. Stipe Jelaska verkörpert den titelgebenden Helden Herscht in einer weiteren großen Rolle am heimischen Theater. Mijo Jurišić als Herr Ringer hält einen wichtigen Monolog der Warnung vor dem Faschismus, der kommt, während wir ihn als Spinnerei von Fanatikern abtun. Snježana Sinovčić Šiškov erscheint aus der Dunkelheit mit einem dystopischen Monolog über die Höhepunkte und den baldigen Untergang der Menschheit und spielt nebenbei auch die stumme Kanzlerin.
Schauspieler unter dem Publikum
In der fünfzehnminütigen Pause passiert etwas Ungewöhnliches, die Schauspieler gesellen sich zum Publikum, essen und trinken gemeinsam mit ihnen und veranstalten anschließend mit dem Regisseur ein Tauziehen. Den Rest des Ensembles bilden Boss' Schläger Vicko Bilandžić, Elvis Bošnjak, Luka Čerjan und Katarina Romac, das Migrantenpaar in der Darstellung von Andrea Mladinić und Robert Waltl sowie zahlreiche kleinere Rollen, die dieses gewaltige Theaterunterfangen vervollständigten.
Das Stück endet mit dem selbstgerechten mörderischen Feldzug des verwirrten Herscht, der zerfiel und seine Tagträumereien über das Ende der Welt und den Kontakt mit Angela Merkel aufgab, als er mit den realen Konsequenzen des Faschismus seiner Nächsten konfrontiert wurde, vor dem er die Augen verschlossen hatte. "Es wäre ein unverzeihlicher Verlust, wenn diese vier Vorstellungen die einzigen blieben", heißt es in der Kritik, mit der Hoffnung, dass das Stück auch im nächsten Sommer wieder aufleben wird.