Kolumbien hat am Mittwoch, dem 12. August 2026, drei Tage nationale Trauer ausgerufen, nachdem ein schweres Erdbeben der Stärke 7,4 am Montag den Westen des Landes erschüttert und mehr als 200 Menschenleben gefordert hatte. Die Flaggen an Regierungsgebäuden und kolumbianischen Botschaften weltweit wurden auf halbmast gesetzt, "zu Ehren aller Toten", wie die Regierung mitteilte, so Al Jazeera.
Im Dekret der kolumbianischen Präsidentschaft heißt es, dass "die nationale Regierung im Namen des kolumbianischen Volkes ihre tiefe Trauer über den Tod der Personen ausdrückt, die infolge des Erdbebens vom 10. August 2026 im nationalen Hoheitsgebiet ums Leben kamen, und sich mit der Trauer der Familien und Freunde dieser Personen solidarisiert", berichtet El Tiempo.
Stärkstes Erdbeben des Jahrhunderts
Das Erdbeben, das am Montag um 07:34 Uhr Ortszeit (12:34 GMT) Kolumbien erschütterte, mit dem Epizentrum in San José del Palmar im Departamento Chocó, ist das stärkste, das das Land in diesem Jahrhundert erlebt hat. Bis Dienstagnachmittag wurden mehr als 100 Nachbeben registriert, so Al Jazeera.
Die Opferzahlen variieren je nach Quelle. Ein Regierungsbericht vom 11. August nennt 181 Tote, 2.595 Verletzte und 195 Vermisste, während Al Jazeera von mehr als 200 Toten berichtet. Die Asociación Colombiana de Ciudades Capitales nennt 188 Tote und 2.774 Verletzte. Zivile Datenbanken deuten darauf hin, dass die Zahl der Vermissten eher bei 4.000 liegen könnte, deutlich höher als die offiziellen 195.
Die am stärksten betroffenen Städte sind Cali, Pereira, Manizales und Quibdó. In Cali sind ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht, und ein Teil des Krankenhauses Hospital Universitario del Valle ist eingestürzt, was die Ärzte zwang, Patienten auf den Parkplatz zu verlegen und im Freien zu behandeln. Nach Angaben der Asociación Colombiana de Ciudades Capitales starben in Cali 95 Menschen, in Pereira 79, in Quibdó neun und in Manizales fünf. Der Regierungsbericht nennt außerdem 1.136 zerstörte Häuser, 48 eingestürzte Gebäude, 8.357 beschädigte Häuser, 807 beschädigte Bildungseinrichtungen, 85 beschädigte Gesundheitseinrichtungen, 74 beschädigte Straßen, 377 beschädigte Gemeindezentren, 16 beschädigte Wasserversorgungen und einen Flughafen mit beschädigter Landebahn.
Persönliche Tragödien und Momente der Hoffnung
Unter den Opfern sind auch Violeta Guerrero, ein zehnjähriges Mädchen, und ihre Großmutter Amparo Jaramillo. Ihre Verwandten veröffentlichten am Mittwoch in den sozialen Medien: "Mit völlig gebrochenem Herzen möchten wir Ihnen mitteilen, dass unsere Verwandten leblos aufgefunden wurden", berichtet El Mundo. Das Mädchen war bei ihrer Großmutter in den Sommerferien, als das Erdbeben sie im Gebäude Conjunto Residencial Guadalupe im Süden von Cali überraschte, das vollständig einstürzte.
Bestätigt wurde auch der Tod von Darío Patiña Rivera, dem Vater des bekannten kolumbianischen Journalisten José Fernando Patiña. Sein Leichnam wurde im Gebäude Torres del Limonar im Viertel Capri gefunden, einem der Orte mit den meisten Opfern. Gleichzeitig kam aus derselben Wohnanlage auch eine hoffnungsvolle Nachricht: Die Ärztin Diana Troncoso, 31 Jahre alt, die unter den Trümmern überlebt hatte, wurde gerettet. Al Jazeera berichtet auch von einer Frau, die nach 36 Stunden unter den Trümmern lebend geborgen wurde.
Unter den Vermissten in Pereira sind Fabián Díaz Chica (59), Mario Alberto Zapata (57), Brenda Gloria Flores (42), Gustavo Salazar Cardona, Cinthia Ortega, Angela María Guacheta, Neidy Ester Correa Díaz, Germán William Henao Osorio (57), Daniela Díaz (29), Iris Cardona (34), Dahi Riusria Yusdaivid (20), Erika Gómez und Sofía Todo Gómez, Ofelia Franco und Ana Victoria Mejía, berichtet El Tiempo.
Erste Krise des neuen Präsidenten
Das Erdbeben ist eine schwere Prüfung für Präsident Abelardo de la Espriella, der sein Amt nur wenige Tage vor der Katastrophe angetreten hat. Die Quellen unterscheiden sich hinsichtlich der genauen Dauer seiner Amtszeit: El Tiempo gibt an, dass er seit fünf Tagen im Amt ist, während Al Jazeera von drei Tagen berichtet.
Der Kolumnist der Wirtschaftszeitung Portafolio, Andrés Espinosa Fenwarth, warnt vor finanziellen Herausforderungen: "Jetzt braucht er mehr denn je, neben nationaler und internationaler Solidarität, Mittel und Erfahrung der UNGRD (kolumbianische Einheit für Risiko- und Katastrophenmanagement). Das Paradoxe ist, dass die vorherige Regierung diese Institution als Hauptkasse der Korruption der Regierung nutzte. Sie haben sie bis zum letzten Tag geplündert, ohne jede moralische oder rechtliche Einschränkung."
Internationale Hilfe trifft ein
Die internationale Gemeinschaft hat sich schnell mobilisiert. Die Vereinigten Staaten haben 15,5 Millionen Dollar Soforthilfe angekündigt und entsenden Teams für urbane Suche und Rettung aus Fairfax County in Virginia und Los Angeles County in Kalifornien. Die Europäische Union hat 2,3 Millionen Dollar zugesagt, Mexiko entsendet Hunderte von Sucharbeitern und Gesundheitspersonal, darunter die renommierten mexikanischen "Topos", die auf Erdbebenrettung spezialisiert sind, und El Salvador schickt zwei Flugzeuge mit 100 Tonnen Hilfsgütern.
In der Zwischenzeit setzen die Rettungskräfte ihr Rennen gegen die Zeit fort. Hilfsorganisationen warnen, dass die ersten 48 bis 72 Stunden der kritischste Zeitraum für das Auffinden von Lebenden unter eingestürzten Gebäuden sind, obwohl Menschen auch länger überleben können, wenn sie Zugang zu Wasser und Nahrung haben. Im Viertel Limonar im Süden von Cali werden die Suchaktionen fortgesetzt, und Freiwillige und Feuerwehrleute graben mit bloßen Händen und halten gelegentlich inne, um auf Lebenszeichen zu lauschen.