Die Dominanz von Touchscreens in Fahrzeuginnenräumen lässt allmählich nach. Nachdem Volkswagen kürzlich die Rückkehr physischer Tasten angekündigt hat, hat auch Mercedes-Benz diese Kehrtwende bestätigt. Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Ola Källenius, räumte ein, dass die gesamte Automobilindustrie zu weit gegangen sei, als sie klassische Schalter aus dem Fahrzeuginnenraum verbannt hat.
Im Gespräch mit dem Portal Autocar sagte Källenius, dass das Entwicklungsteam von Mercedes die Kritik der Besitzer ernst genommen habe und plane, für zukünftige Modelle physische Tasten für die häufigsten Aktionen wieder einzuführen. Die Kommentare der Nutzer waren unmissverständlich: Fahrer schätzen die Personalisierung, die große Bildschirme bieten, bestehen aber auf herkömmlichen Schaltern für die Einstellung von Klimaanlage oder Lautstärke, um nicht den Blick von der Straße abwenden und digitale Menüs durchsuchen zu müssen.
Harmonie statt Ausschließlichkeit
Die Rückkehr zu fühlbaren Bedienelementen bedeutet nicht das Ende digitaler Schnittstellen. Von Mercedes heißt es, dass die opulenten Displays wie der MBUX Hyperscreen, der sich über die gesamte Breite des Armaturenbretts erstreckt, erhalten bleiben, da sie ein hohes Maß an Anpassung und technologischem Prestige bieten. Die Ambition für das zukünftige Interieurdesign ist die Schaffung einer Harmonie, in der funktionale physische Schalter die digitale Technologie ergänzen.
Erste konkrete Schritte sind bereits in Umsetzung. Das Unternehmen hat begonnen, die kritisierten Touchflächen am Lenkrad durch klassische Rändelräder zur Menünavigation zu ersetzen. Damit soll die Ablenkung des Fahrers verringert werden, was zu einer wichtigen Sicherheitsfrage geworden ist.
Breiterer Branchentrend
Mercedes-Benz ist mit diesem Kurswechsel nicht allein. Ähnliche Entscheidungen haben kürzlich auch Ferrari, Audi und Hyundai getroffen, die ebenfalls physische Tasten wieder einführen, nachdem sich Kunden über die Komplexität der Bedienung ausschließlich über Touchflächen beschwert hatten. Zusätzlichen Rückenwind erhält dieser Trend durch die Sicherheitsorganisation Euro NCAP. Wie Bug.hr berichtet, belohnt Euro NCAP im Rahmen der neuen Sicherheitsbewertungsprotokolle nun Fahrzeuge, die physische Bedienelemente für wichtige Funktionen beibehalten haben.
Diese Kehrtwende erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem die Automobilindustrie vor einer weiteren technologischen Herausforderung steht. Besitzer älterer Fahrzeuge könnten wichtige Online-Funktionen verlieren, da veraltete Mobilfunknetze in ganz Europa abgeschaltet werden.
Ältere Autos verlieren Konnektivität
Laut Klix.ba schaltet Europa zügig die alten 2G- und 3G-Mobilfunknetze ab, was Fahrzeuge, die zwischen 2010 und 2021 produziert wurden, ohne wichtige Dienste zurücklassen könnte. Am kritischsten ist das eCall- (SOS-)System, das bei einem schweren Verkehrsunfall automatisch die 112 wählt und den Rettungsdiensten den genauen GPS-Standort des Fahrzeugs übermittelt.
Wenn das Fahrzeug ein veraltetes Kommunikationsmodul verwendet, funktioniert diese Funktion in Ländern, die die alten Netze bereits abgeschaltet haben, wie der Schweiz, Norwegen und Schweden, nicht mehr. Es wird erwartet, dass andere europäische Länder diesem Beispiel bald folgen werden. Neben dem Sicherheitssystem können Besitzer ihr Auto nicht mehr remote entriegeln, den Kraftstoffstand oder den Batterieladezustand prüfen, das Fahrzeug orten oder Heizung und Kühlung des Innenraums vorab einschalten.
Das Problem entstand, weil viele Hersteller, obwohl die 4G-LTE-Technologie verfügbar war, weiterhin günstigere 2G- und 3G-Module einbauten, um die Produktionskosten zu senken. Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht darin, dass das Kommunikationsmodul in den meisten Fahrzeugen nicht einfach durch ein moderneres 4G- oder 5G-Gerät ersetzt werden kann und die Hersteller ein solches Upgrade in der Regel nicht anbieten.