Ein verheerendes Erdbeben der Stärke 7,4 erschütterte am Montag, den 10. August 2026, um 7:34 Uhr Ortszeit Westkolumbien. Nach den neuesten Angaben von Präsident Abelardo De La Espriella kamen mehr als 290 Menschen ums Leben, 3.494 wurden verletzt und 496 gelten als vermisst. Das brasilianische Portal G1 Globo nennt eine etwas andere Schätzung von etwa 4.000 Verletzten, sodass die Quellen hinsichtlich der genauen Zahlen nicht vollständig übereinstimmen.
Das Epizentrum des Bebens lag nahe der Ortschaft San José del Palmar im Departamento Chocó, in einer Tiefe von 96 Kilometern. Die Erschütterungen, die zwischen 90 Sekunden und zwei Minuten dauerten, waren auch in der etwa 300 Kilometer entfernten Hauptstadt Bogotá sowie in den Nachbarländern zu spüren. Zunächst wurde eine Magnitude von 6,4 gemeldet, doch eine Stunde später wurde bestätigt, dass es sich um ein Beben der Stärke 7,4 handelte, das stärkste in Kolumbien in diesem Jahrhundert. Zum Vergleich: Das Erdbeben in Armenien 1999 hatte eine Magnitude von 6,1.
Wettlauf gegen die Zeit bei der Rettung
Am schwersten betroffen sind die Städte Pereira und Cali. In Pereira kamen 96 Menschen ums Leben, 260 gelten als vermisst und 260 wurden gerettet. 66 Gebäude stürzten ein. In Cali starben 110 Menschen, 115 werden vermisst und 88 wurden lebend aus den Trümmern geborgen; 46 Gebäude stürzten vollständig ein. Insgesamt sind neun Departamentos betroffen.
Zu den erschütternden Geschichten gehört die von Daniela Largo, einer 32-Jährigen, die mehr als 36 Stunden unter den Trümmern des Hotels Dibeni in Pereira verbrachte. Nach ihrer Rettung wurde sie 17 Minuten lang reanimiert, aber ihre Organe waren schwer geschädigt. Ihr Vater erzählte El Tiempo, dass der Arzt ihm gesagt habe, es müsse ein Wunder geschehen, da ihr Herz nur noch zu 20 Prozent arbeite. Daniela starb nach einem dreitägigen Kampf auf der Intensivstation.
Diana Lucía aus Cali hatte mehr Glück: Sie wurde nach mehr als 24 Stunden unter den Trümmern lebend geborgen. Sandra, die in einem eingestürzten dreistöckigen Gebäude eingeschlossen war, überlebte mehr als sechs Stunden unter den Trümmern. Während der Rettung rief sie den Helfern zu: "Sie begannen, die Wand aufzubrechen, Trümmer zu entfernen. Ich schrie: Bitte, seid vorsichtig, denn das fällt auf mich." Ihre Hauptsorge galt ihrer Tochter: "Ich sagte, ich kann nicht sterben, ohne zu wissen, ob es meiner Tochter gut geht, ohne zu wissen, was mit ihr passiert ist."
Helden in den Trümmern
In einer Klinik, die das Erdbeben überstanden hatte, organisierte der Kinderarzt Gérman Somoyar mit Hilfe von drei Krankenschwestern und zwei Ärzten die Evakuierung von zehn Neugeborenen. "Zwischen drei Krankenschwestern konnten wir in diesem Moment organisieren, dass sie jeweils zwei Babys in den Arm nahmen und sofort mit der Evakuierung begannen. Dann kamen zwei Ärzte, um im oberen Stockwerk zu helfen; ich bat sie, uns jeweils mit einem Baby zu helfen, und sie gingen hinaus, jeder mit einem Baby im Arm", berichtete Somoyar. Das Team überquerte sechs Stockwerke mit Babys im Arm, und alle verließen das Gebäude sicher.
Freiwillige schlossen sich der Suche an, darunter eine Gruppe von Filmtontechnikern, die Ausrüstung zur Erkennung von Geräuschen unter den Trümmern mitbrachten. Felipe, ein Mitglied dieser Gruppe, sprach traurig über das Opfer César: "César, das war eine Person, die wir gestern verloren haben... Wir hatten keine Zeit, ihn herauszuholen. (...) Ich versuche immer noch, meine Emotionen zu ordnen, ehrlich, ich habe es noch nicht geschafft."
Familiäre Tragödien
Besonders berührte das Schicksal der Familie Saavedra Caicedo aus Cali. Die Eltern Jairo Hernán Saavedra und Victoria ‚Vicky' Caicedo, ihre Drillinge Sofía, Isabella und Ana María sowie weitere Familienmitglieder befanden sich in einem Gebäude, das einstürzte. Nur Ana María, eine der Drillinge, überlebte. Ihr Cousin Carlos Saavedra erzählte, dass Ana María sich von einer Operation erholt, mit einem Bruch des Arms und des Beckens. Isabella wurde vier Tage nach dem Beben, am Donnerstag gegen 18:30 Uhr, tot aufgefunden.
Unter den Opfern sind auch Kinder. In Calima-El Darién starben vier Kinder im Alter von 6 bis 8 Jahren: Anthony Ríos Gómez, María José Lozada Torres, Emanuel Bastidas Arredondo und Jesús Muñoz Quinceno. In Yumbo starben in einer Schule Luciana Moreno Flórez und Niela Nicol Vernaza Corrales. Insgesamt gelten etwa 100 Kinder als vermisst, und 654 erhielten psychologische Unterstützung.
Warum es zu dem Beben kam
Seismologe Gilberto erklärte gegenüber G1 Globo, dass Kolumbien an einem Ort liegt, an dem drei tektonische Platten aufeinandertreffen: die Nazca-, die Südamerikanische und die Karibische Platte. Die Nazca-Platte schiebt sich unter die Südamerikanische Platte, und der angestaute Druck entlädt sich im Laufe der Zeit in Form von Erdbeben. "Und dieser angestaute Druck ist es, der genau das Erdbeben erzeugen wird", sagte er.
Auf die Frage, ob die seismische Aktivität auf dem Planeten zunehme, ist Gilberto klar: "Es gibt keine Beweise dafür, dass die seismische Aktivität auf dem Planeten zunimmt." Er fügte hinzu, dass es im Durchschnitt 14 bis 15 große Erdbeben pro Jahr gebe, und im Jahr 2026 seien bisher 11 mit einer Magnitude über 7 registriert worden, was darauf hindeute, dass das Jahr leicht über dem Durchschnitt liegen könnte. Am Samstag erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,7 Indonesien und tötete mindestens 38 Menschen, während Granada in Spanien ein Beben der Stärke 5 ohne Verletzte verzeichnete.
Internationale Hilfe
Die kolumbianischen Behörden haben bei der Weltbank einen Kredit über 450 Millionen US-Dollar aufgenommen, zusätzlich zu 1.300 Millionen US-Dollar an Verpflichtungen multilateraler Organisationen.