Moskau bereitet sich auf das vor, was sein letzter großer strategischer Kraftakt im Krieg gegen die Ukraine sein könnte. Laut einer Kolumne des Kyiv Independent plant der Kreml diesen Herbst einen 'letzten Vorstoß' (engl. final push), einschließlich einer neuen Mobilisierungswelle und einer Eskalation der Angriffe, mit dem Ziel, eine 'korennoy perelom v voyne' (russischer Ausdruck für 'grundlegende Wende im Krieg') zu erreichen.
Der Autor der Kolumne hatte bereits Anfang des Jahres vorhergesagt, dass der Kreml 2026 als entscheidend ansehen würde, um diese 'grundlegende Wende' zu erreichen und die teuerste und erschöpfendste Phase des Konflikts zu seinen eigenen Bedingungen abzuschließen. Die Strategie des 'Abnutzungskrieges' (engl. war of attrition), auf die der Kreml gesetzt hatte, verlor bereits an Erfolgsaussichten oder hatte sie vollständig eingebüßt, was Russland schneller in die eigene Erschöpfung trieb, als die Ukraine ihre Widerstandsfähigkeit verliert.
Diese Einschätzungen werden durch Aussagen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj untermauert, der am 11. August in seiner abendlichen Ansprache enthüllte, dass der ukrainische Militärgeheimdienst an interne russische Dokumente gelangt sei. "Alles ist durch interne russische Dokumente bestätigt: Sie bereiten das für den Herbst vor, direkt nach den Schein-Parlamentswahlen", erklärte Selenskyj. Seinen Worten zufolge ist Putins Plan nicht übermäßig komplex: Er wolle den Eindruck erwecken, dass die Russen den Krieg unterstützen, da alle derzeit zugelassenen Parteien auf die eine oder andere Weise gegen den Frieden seien. "Dann, nach den sogenannten Wahlen, plant er eine zusätzliche schnelle Mobilisierung von mehreren hunderttausend Russen bis Ende dieses Jahres und ebenso viele im nächsten Jahr. Das kommt zu der Rekrutierung hinzu, die sie über Verträge zu erfüllen versuchen", fügte Selenskyj hinzu. Der ukrainische Präsident betonte auch, dass Kiew Maßnahmen vorbereite, um Russland die Umsetzung dieser Pläne so schwer wie möglich zu machen.
Innerer Druck und wirtschaftliche Herausforderungen
Die Entscheidung für eine neue Eskalation fällt nicht im luftleeren Raum. Innerhalb Russlands nehmen die negativen, kriegsbedingten Prozesse zu. Anfang Juli 2026 wurden in Nowosibirsk lange Schlangen an Tankstellen verzeichnet, und die Benzin- und Dieselknappheit breitete sich auf mehr als 40 russische Regionen aus. Solche Anzeichen wirtschaftlichen Drucks verringern den Handlungsspielraum des Kremls weiter.
Um die neue 'strategische Offensive' zu finanzieren, wird das Regime laut Einschätzung des Kolumnisten zu einer weiteren staatlichen Monopolisierung der Wirtschaft greifen müssen, einschließlich Reserven und Formen der 'Entkulakisierung', die sich gegen die lokale Oligarchie richten. Ohne das gibt es schlichtweg kein Geld, um die nötigen Mittel aufzubringen.
Militärischer und politischer Plan
Strategisch wird erwartet, dass der Plan in mehreren Phasen abläuft. Zuerst folgt eine neue Mobilisierungsrunde und die weitere operative Ansammlung russischer Kräfte in der Ukraine. Dann die Intensivierung von Langstreckenangriffen auf das gesamte ukrainische Territorium mit dem Ziel, die ukrainischen Verteidigungsfähigkeiten erheblich zu schwächen. Schließlich die Bodenoffensive selbst mit 'frischen Kräften' (engl. fresh forces) und an einem potenziell 'neuen Ort' (engl. fresh location), nachdem die laufende Offensivoperation im Raum Slowjansk und Kramatorsk nur begrenzte Ergebnisse erzielt hat.
Im Inland wird der Kreml versuchen, die Gesellschaft weiter zu militarisieren und Russland in ein einziges militärisches Lager zu verwandeln. Jede Form oppositioneller Aktivität wird schnell und hart bestraft, denn eine große Mobilisierung kann nicht durchgeführt werden, während 'Volksunruhen' (engl. popular unrest) schwelen. Die Durchführung der bevorstehenden Parlamentswahlen in einer ruhigen und kontrollierten Atmosphäre ist daher für das Regime unabdingbar geworden.
Internationale Dimension und Fazit
Auf internationaler Bühne wird Moskau mit allen Mitteln versuchen, wirksame Hilfe für die Ukraine zu minimieren oder zu blockieren, insbesondere militärisch-technische und finanzielle Hilfe, damit diese nicht die Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte verändern kann, bevor der 'letzte Vorstoß' beginnt. Gleichzeitig hat Moskau keine volle Unterstützung von seinem wichtigsten strategischen Verbündeten Peking erhalten, den der Kolumnist als 'chinesische Genossen' (engl. Chinese comrades) bezeichnet. China hat seine Beteiligung am Krieg nie auf ein Niveau eskaliert, das Peking wirklich etwas kosten würde, was die strategische Position des Kremls zusätzlich beeinflusst hat.
Der Kreml ist laut dem Kolumnisten an einem Punkt angelangt, an dem das Hinauszögern zu einer Frage des Überlebens geworden ist. Die Wahl fiel auf eine neue Runde 'verstärkter Anstrengungen' (engl. intensified effort) anstatt auf ein Abgleiten in einen 'Krieg des natürlichen Abklingens' (engl. war on a natural fade) und den faktischen Status 'weder Frieden noch Krieg' (engl. no peace, no war). Es bleibt abzuwarten, ob dieser 'letzte Vorstoß' ausreicht, um den Verlauf des Konflikts zu wenden oder nur die russische Erschöpfung zu vertiefen.
Hinweis: Es handelt sich um eine Autorenkolumne (Op-Ed) des Kyiv Independent, die die Meinung des Autors widerspiegelt und nicht unbedingt die Ansichten der Redaktion.