Der Wasserstand des Rheins bei der deutschen Stadt Kaub ist auf nur noch 24 Zentimeter gesunken, der niedrigste Stand seit Beginn der Messungen im Jahr 1880. Die Prognosen sind noch düsterer und deuten darauf hin, dass er bis Samstag auf nur noch 17 Zentimeter fallen könnte. Diese dramatische Situation an einer der wichtigsten europäischen Verkehrsadern droht ernsthafte Störungen in der deutschen und damit auch der europäischen Wirtschaft zu verursachen.
Milliardenverluste und Bedrohung für das fragile Wachstum
Wirtschaftsexperten ziehen bereits erste Schadensschätzungen. Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, erklärte, dass niedrige Wasserstände das deutsche BIP im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent senken könnten. Das bedeutet übersetzt einen Verlust von ein bis zwei Milliarden Euro an Wertschöpfung.
Thilo Schäfer, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft, warnt vor der Möglichkeit, dass das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum vollständig erstickt wird. "Wenn die Schifffahrt auf dem Rhein länger behindert bleibt, könnte das diesen winzigen Spross des Wirtschaftswachstums, den wir haben, völlig ersticken", sagte Schäfer.
Industrie unter Druck: Stahl, Chemie und Treibstoff kommen nicht an
Aufgrund der anhaltenden Hitze und des Niederschlagsmangels können Frachtschiffe in ganz Deutschland nur einen Teil ihrer üblichen Ladung transportieren, und auf einigen Abschnitten ist die Schifffahrt vollständig eingestellt. In Köln ist der Schiffsverkehr bereits gestoppt, und auch in Duisburg wurden Rekordtiefststände gemessen. Düsseldorf hat das Niveau des Rekordtrockenjahres 2018 erreicht.
Torsten Schmidt, Leiter der Konjunkturabteilung am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, erklärt, dass Schlüsselindustrien am stärksten betroffen sind. "Die Erfahrung von 2018 zeigt, dass niedrige Wasserstände die Produktion spürbar bremsen können. Besonders betroffen sind die Stahlindustrie und die Chemieindustrie, die auf die Lieferung von Rohstoffen über Wasserwege angewiesen sind", sagte Schmidt. Nach verfügbaren Informationen hat das Industrieunternehmen ThyssenKrupp die Produktion bereits reduziert.
Keine Alternative: 3000 Tanklastzüge pro Tag sind keine Lösung
Die Situation wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Transport über Flüsse nicht einfach auf Straße oder Schiene verlagert werden kann. Simon Gerards Iglesias vom Institut der deutschen Wirtschaft erläuterte das Ausmaß des Problems: "Um allein den Transport von Benzin und Diesel, der derzeit auf dem Rhein per Schiff erfolgt, zu ersetzen, wären etwa 3000 Tanklastzüge pro Tag erforderlich".
Eine solche Lösung ist aufgrund des chronischen Mangels an Lkw, Fahrern und der maroden Straßeninfrastruktur nicht umsetzbar. "Es gibt einfach keine Alternative", betonte Iglesias.
Preisanstieg in Sicht: Vom Fluss bis zur Tankstelle
Die Folgen der Störungen in den Lieferketten könnten bald auch die Bürger spüren. Teurerer Transport von Treibstoff und Rohstoffen erhöht die Produktionskosten, was sich auf die Preise an den Tankstellen auswirken und die Inflation weiter anheizen könnte. "Was am Rhein beginnt, könnte am Ende auch an den Tankstellen sichtbar werden", warnte Iglesias.
Die Inflation in Deutschland ist bereits im Juli nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes auf 2,8 Prozent gestiegen. Ein weiterer Preisanstieg würde die Kaufkraft der Bürger und den Inlandskonsum schwächen, der eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft ist.
Wiederholung von 2018: Langfristige Folgen für Lieferketten
Deutschland erlebte 2018 eine ähnliche Krise. Damals lagen die Flüsse Weser und Elbe an 80 bzw. 90 Prozent der Tage zwischen Juni und Dezember unter dem für die normale Schifffahrt erforderlichen Wasserstand. Allein im August jenes Jahres fiel die Menge der auf Binnenwasserstraßen transportierten Güter um 21 Prozent.
Schätzungen zeigten damals, dass niedrige Wasserstände das deutsche Wirtschaftswachstum um 0,4 bis 0,5 Prozentpunkte reduzierten. Während dieser Krise fielen die Exporte über Wasserwege um fast 20 Prozent, die Importe um 12 Prozent. Viele Unternehmen haben danach ihren Transport dauerhaft auf Straße und Schiene verlagert, was zeigt, dass temporäre Klimaschocks langfristige Auswirkungen auf Lieferketten haben können.
Notfallmaßnahmen und begrenzter Handlungsspielraum
Angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage hat Bundesverkehrsminister Steffen Bilger für Donnerstag eine Expertenkonferenz in Bonn einberufen, um über mögliche Notfallmaßnahmen zu beraten. Der Spielraum für schnelles Handeln ist jedoch recht begrenzt. Während die Wasserstände weiter sinken und Meteorologen keine nennenswerten Niederschläge ankündigen, bleiben Schlüsselindustrien ohne ihre vitalen Transportwege.
Ein besonderes Problem stellt die Tatsache dar, dass der Rekordtiefstand ungewöhnlich früh in der Saison auftritt. Neben dem Rhein sind auch andere große Flüsse, einschließlich der Donau, von historisch niedrigen Wasserständen betroffen, was den Flusstransport zusätzlich erschwert und die Kosten in ganz Europa erhöht.