Ein Brauch, der über Generationen hinweg tief in die Identität der katholischen Frauen in Bosnien und Herzegowina eingraviert war, sowohl im wörtlichen als auch im symbolischen Sinne, hat endlich seinen Platz auf Papier gefunden. Die Rede ist von dem Buch "Sicanje", das 24 erschütternde Zeugnisse von Frauen über die Tradition des Tätowierens der Haut durch Einstechen mit einer Nadel und Einbringen einer dunklen Mischung enthält. Die Präsentation ist für den 6. September 2026 im Kulturhaus Prozor geplant.
Eines der dokumentierten Zeugnisse ist das von Mara Bojić, die ihr erstes Sican im Alter von nur sieben Jahren erhielt. Das letzte folgte drei Jahre später, womit sie die vierte Generation von Frauen in ihrer Familie wurde, die diese schmerzhafte, aber stolze Tradition fortsetzte. "Das Sican drang bis auf die Knochen", erzählte Mara und beschrieb den Prozess, der, wie sie erst Jahre später im Religionsunterricht verstand, auf ihrer Haut die Zugehörigkeit zur kroatischen und katholischen Identität einschrieb.
Von persönlicher Verbundenheit zur Dokumentation des Erbes
Hinter diesem wertvollen Projekt stehen zwei Autorinnen, deren Lebenswege sie aus Bosnien und Herzegowina in die Diaspora führten. Marija Maračić, ursprünglich aus Kraljeva Sutjeska bei Kakanj, lebt heute in Cleveland, wo sie 2016 ihren Master in Kunstgeschichte abschloss. Ihre Mitarbeiterin Josipa Karača wurde in Donja Vast bei Prozor/Rama geboren und lebt seit 1990 in Österreich. An der Universität Innsbruck schloss sie 2014 ihr Pädagogikstudium ab und arbeitet heute als Trainerin in einem Bildungszentrum für Gehörlose und Schwerhörige.
Genau ihre persönliche Verbundenheit mit Bosnien und Herzegowina war der entscheidende Antrieb. Im Sommer 2019 begannen beide, Zeugnisse von Frauen über den Brauch zu sammeln, der über Generationen hinweg mit Glaube, Zugehörigkeit und der Bewahrung der Identität verbunden war. Die Motive auf der Haut waren meist mit christlichen Symbolen verbunden, und der Brauch selbst ist charakteristisch für die Regionen Mittelbosniens und Teile der Herzegowina.
"Mein größtes Engagement gilt der Schaffung eines Raums für Frauen, deren Geschichten niemals vergessen werden dürfen. Für Frauen, die diese Tradition in stillen, alltäglichen Momenten lebendig hielten, obwohl die Geschichte sie selten beim Namen nennt", betonte Maračić.
Eine Brücke zur Diaspora
Das Buch "Sicanje" richtet sich nicht nur an Leser in dieser Region. Die Zeugnisse sind auf Kroatisch verfasst, aber mit Übersetzungen ins Englische und Deutsche versehen. Auf diese Weise bauen die Autorinnen eine Brücke zur kroatischen Diaspora, insbesondere zur zweiten und dritten Generation, die die Tradition ihrer Vorfahren durch Familiengeschichten kennenlernt. Das Buch wird in drei Schlüsselregionen, die mit dieser Geschichte verbunden sind, bestellbar sein: der Europäischen Union, Bosnien und Herzegowina und den Vereinigten Staaten von Amerika.